Keine Antwort auf Bewerbung: Wenn Unternehmen zu Geistern werden

Von Christina Holl 3. Mai 2019

Sie haben all Ihr Herzblut in die Bewerbung für Ihren vermeintlichen Traumjob gesteckt, mit feuchten Händen und erhöhtem Puls auf „Senden” geklickt und checken seitdem permanent Ihr Postfach. Doch was passiert: Nichts! Nada! Niente! Sie erhalten einfach keine Antwort auf Ihre Bewerbung und fragen sich, warum das so ist. Die Schuld liegt nämlich nicht unbedingt bei Ihnen oder Ihren Unterlagen. Bevor Sie von Selbstzweifeln zerfressen werden, lesen Sie diesen Text.

Was ist Ghosting?

Ghosting ist ein Phänomen, das ursprünglich im Kontext zwischenmenschlicher Beziehungen auftauchte: Onlinedating-Partner, die sich nach dem ersten realen Treffen nicht mehr melden; vermeintliche Freunde, die plötzlich unerreichbar sind und auf keinen Kontaktversuch reagieren.

Inzwischen ist dieses plötzliche Abtauchen in der Geschäftswelt angekommen. Und auch hier ist die Funkstille so zermürbend wie im Privaten.

Wie Unternehmen Ghosting betreiben

Das Ghosting fängt oft schon direkt nach dem Versand der Unterlagen an. Der deutsche Bewerbungscoach Jürgen Hesse berichtet im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche”, dass ein Grossteil der Bewerber auf eine Bewerbung hin nicht einmal mehr eine Eingangsbestätigung erhält. Noch vor einigen Jahren war das die Ausnahme. 

Die Zeit der Stille kann aber auch zu einem späteren Zeitpunkt im Bewerbungsprozesse eintreten, beispielsweise nachdem Sie bereits ein durchaus positiv wirkendes Telefonat mit dem Personaler geführt haben. Besonders frustrierend und enttäuschend ist das Schweigen für Bewerber, die eigentlich einen guten Kontakt zum Ansprechpartner hatten – und dann nach dem Vorstellungsgespräch nichts mehr gehört haben. 

Darum passiert Ghosting bei der Bewerbung

Es muss nicht an Ihnen liegen, wenn der potenzielle Arbeitgeber so gar keine Reaktion auf Ihre Bewerbung zeigt. Obwohl dieses Verhalten ausgesprochen respektlos ist und Sie sich vollkommen hilflos fühlen, sollten Sie sich nicht von Selbstzweifeln zerfressen lassen. Mögliche Gründe, warum Personaler sich nicht melden:

  • Effizienzzwang im Recruiting-Prozess: 
    Mitunter streichen Unternehmen alle nicht unbedingt erforderlichen Schritte, um Kosten zu senken. Darunter fällt möglicherweise auch der HR-Praktikant, der früher die Eingangsbestätigungen für Bewerbungen i. A. versendet hat.
     
  • Keine Antwort = Absage:
    Natürlich kann es auch sein, dass Sie mit Ihren schlimmsten Befürchtungen richtig liegen und das Unternehmen Sie für unpassend für die Stelle hält. Das ist natürlich kein legitimer Grund, Sie im Unklaren zu lassen. Aber manch ein gestresster Personaler denkt sich womöglich, „Keine Antwort ist auch eine Antwort” und spart sich die Arbeit.
     
  • Schlechte oder fehlerhafte Kommunikation:
    Möglicherweise steckt gar keine böse Absicht hinter der Funkstille, sondern dem Empfänger ist schlichtweg ein Fehler unterlaufen: Ihre Unterlagen “verstauben” nach der Weiterleitung an den zuständigen Abteilungsleiter in dessen Postfach, weil ihm die Mail einfach entging. Oder sie wurden im Bewerber-Management-System falsch einsortiert. Oder es gab ungenaue Absprachen in der Personalabteilung. Sie sehen: Es gibt viele Ursachen für übersehene Bewerbungen in einem Unternehmen.

Das sollten Sie tun, wenn Sie keine Antwort auf Ihre Bewerbung erhalten

Um sicherzugehen, dass der Fehler nicht bei Ihnen liegt, sollten Sie selbst aktiv werden. Diese Möglichkeiten haben Sie:

1. Prüfen Sie Ihre Unterlagen noch einmal

Kleine Nachlässigkeiten können dafür sorgen, dass Ihre sorgfältig zusammengestellte Bewerbung ihren Empfänger erst gar nicht erreicht – und Sie warten vergeblich auf eine Antwort. Sehen Sie sich deshalb noch einmal genau an, was Sie abgeschickt haben:

  • Haben Sie den richtigen Empfänger gewählt? Landet die Bewerbung auf dem falschen Schreibtisch, kann es lange dauern, bis sie dem gewünschten Adressaten vorliegt.
  • Haben Sie sich eindeutig auf die Stellenausschreibung bezogen? Die meisten Anzeigen enthalten ein Kennzeichen. Gerade in grossen Unternehmen, die viele Stellen gleichzeitig besetzen, fällt eine Zuordnung ohne aussagekräftigen Betreff schwer. Das verzögert die Bearbeitung.
  • Waren Ihre Bewerbungsunterlagen vollständig? Ist der Lebenslauf lückenlos? Fehlen wichtige Bestandteile wie Zeugnisse, werden Bewerbungen nicht selten unkommentiert aussortiert.
2. Prüfen Sie die Stellenanzeige

In der ersten Begeisterung kann man eine vielversprechende Stellenanzeige schon mal falsch auffassen. Haben Sie möglicherweise der Reihenfolge der Anforderungen nicht genug Beachtung geschenkt? Qualifikationen, die ganz oben in der Liste stehen, sind Must-haves für das Unternehmen.

Weiter unten kommen die wünschenswerten, aber nicht zwingend erforderlichen Fähigkeiten. Wenn Sie nur diese Nice-to-haves mitbringen, aber Ihnen die Kernkompetenzen komplett fehlen, sind die Chancen auf den Job relativ gering.

Es kommt auch vor, dass Stellenofferten so missverständlich formuliert sind, dass sich der Bewerber darunter eine völlig andere Position vorstellt. Auch dann passt das Profil kaum zur Position. Stellen Sie das fest, haken Sie die Sache am besten ab. Das erspart Ihnen langes, zermürbendes Warten.

3. Prüfen Sie Ihre Erwartungen 

Haben Sie in Ihrer Bewerbung eine Gehaltsvorstellung angegeben? Dann kann auch das der Grund für das Schweigen des Unternehmens sein. Fachkräftemangel hin oder her: Personalentscheider müssen sich an Budgetvorgaben halten. Möglicherweise haben Sie beim Salär einfach zu hoch gepokert und Ihre Bewerbung wurde deshalb aussortiert.

Oder man legt sie erst einmal auf Halde: Sollte sich später kein geeigneter Kandidat finden, könnte die Personalabteilung auf Sie zurückkommen.

Hören Sie auf Ihre innere Stimme

Nach dieser kleinen Analyse liegt es an Ihnen, ob und wie Sie auf das Ghosting reagieren. Es ist Ihr gutes Recht, telefonisch nachzuhaken.

Das gilt vor allem, wenn Sie nach einem Bewerbungsgespräch keine Antwort erhalten. In diesem Fall ist schliesslich offensichtlich, dass Ihre Unterlagen nicht verlorengegangen, sondern auf dem richtigen Tisch gelandet sind.

Sollte sich der Personaler absichtlich nicht gerührt haben, muss er mit Ihrem Anruf rechnen. Und überhaupt: Ein seriöses Unternehmen wird selbstverständlich verstehen, dass Sie bei einer längeren Sendepause auf den Busch klopfen.

Wenn Sie allerdings System hinter dem Bewerbungs-Ghosting vermuten, sollten Sie sich ein Nachbohren gründlich überlegen. Wollen Sie wirklich für eine Firma arbeiten, die so mit Bewerbern umgeht? Möglicherweise wird dort auch den Mitarbeitern nur wenig Respekt entgegengebracht.

 

Sie sind selbst gerade Opfer von Ghosting geworden? Keine Lust mehr, auf eine Reaktion zu warten? Auch andere Firmen haben interessante Jobs zu bieten:

 

 

Bildquelle: © heftiba - Unsplash.com

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